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Warum sind in Schweden noch Skigebiete geöffnet?

Als Redakteurin bei Skigebiete-Test habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht: Seit September 2016 bin ich leitend für den Content auf Deutschlands größtem Wintersportportal zuständig. Die Berge faszinieren mich seit jeher und auf Skiern stand ich zum ersten Mal im Kindergarten. Absolut infiziert bin ich auch mit dem Weltcup-Virus und verpasse im Winter nur selten Rennen im TV.... Mehr erfahren

aktualisiert am Apr 1, 2020

Während im Rest von Europa mittlerweile alle Skigebiete den Betrieb gestoppt haben, laufen in Schweden die Lifte immer noch weiter. Unter anderem im Weltcuport Åre sind die Hotels voll und alle Pisten geöffnet. Dabei breitet sich auch in Schweden der Coronavirus immer mehr aus: Bereits 2800 der gut 10 Millionen Einwohner sind infiziert (Stand 27.3.). Das sind noch deutlich weniger als in Deutschland (ca. 47.000 bei 80 Mio. Einwohnern), jedoch steigen auch im Norden Europas die Zahlen rapide an.

>> Update: Jetzt schließen auch die schwedischen Skigebiete

Das sagen die Behörden

Doch warum machen die Skigebiete in Schweden nicht zu, nachdem die Betreiber unter anderem in Tirol und Italien gesehen haben, wie schnell sich der Coronavirus dort ausbreitet? Die Begründung liegt in der fehlenden Anordnung der schwedischen Gesundheitsbehörden. Diese appellieren zwar an die Menschen zu Hause zu bleiben und nicht in die Berge zu reisen, jedoch Ausgangsbeschränkungen und Verbote gibt es nicht. Die Grenze für Veranstaltungen lag bis 27. März noch bei 500 Personen, wurde nun aber auf 50 verschärft. Sport- und Fitnesseinrichtungen sind davon aber nicht betroffen und bleiben geöffnet, da körperliche Aktivität gut für die Gesundheit sei, besonders im Freien. Mit Vorsichtsmaßnahmen will man dort das Risiko zur Verbreitung von Covid-19 verringern.

Skigebiete ergreifen Maßnahmen

An diesen offiziellen Empfehlungen orientieren sich die Skigebiete und halten den Betrieb weiter aufrecht – vor allem auch aus wirtschaftlichen Gründen. Um die Ansteckungsgefahr zu minimieren wurden unter anderem in den sieben Skistar-Resorts mittlerweile die Fahrgastzahlen in Gondeln und Skibussen reduziert und eine Abstandsregel in Warteschlangen eingeführt. Restaurants wurden teilweise geschlossen und Skilehrer sollen ihren Schülern die Hand nicht mehr ohne Handschuh geben. Seit dem vergangenen Wochenende werden zudem alle Events und Après-Ski-Partys abgesagt. Zuvor hat man aber noch die geltenden Veranstaltungsregeln ausgenutzt und unter anderem am Freitag, 20. März, in Sälen mit bis zu 499 Personen in Bars und Clubs gefeiert. 

Das löst zu Recht bei Deutschen und Österreichern Kopfschütteln aus, nachdem sich in den Alpen viele Skifahrer gerade beim Après-Ski angesteckt hatten. Und da gehörten auch viele Skandinavier dazu. Allein in Schweden haben sich über 700 Personen im Urlaub in Österreich und Italien infiziert, wie die Statistik der Gesundheitsbehörde aufführt. In den direkten Nachbarländern Norwegen und Finnland wurden daher Skigebiete auf behördliche Anordnung längst geschlossen. Auch Einreisesperren für Ausländer wurden verhängt. Anders in Schweden: Dort setzt man bisher auf Appelle an den gesunden Menschenverstand statt auf Verordnungen und Ausgangssperren. 

Vom Home Office auf die Piste

Das leichtfertige Handeln der schwedischen Behörden führt aktuell dazu, dass sich die Menschen im Land weiterhin in ihrer Freizeit in Gruppen treffen und auch vermehrt aus den Städten in die Skigebiete strömen. Schnee liegt dort nämlich noch genug, das Wetter soll sonnig bleiben und die Osterferien stehen vor der Tür.

Das Paradoxe: Viele Schweden befinden sich aktuell im Home Office um die Ansteckungsgefahr zu verringern, wie es die nationalen Gesundheitsbehörden gefordert haben. Auch zahlreiche Schüler und Studenten lernen online von zu Hause aus. Aber statt daheim zu bleiben, nutzen viele die unverhoffte Freizeit für einen Skiurlaub und machen sich – mit dem Laptop im Gepäck – auf den Weg zu den großen Wintersportzentren in Åre, Idre Fjäll oder Sälen. Aber auch dort ist das Virus schon angekommen, täglich werden weitere Infizierte gemeldet. Das wissen auch die Gesundheitsbehörden und raten von Reisen in die Skigebiete ab. Verboten ist es allerdings bisher noch nicht. 

>> FIS sagt Weltcuprennen in Åre ab

Örtliche Mediziner fordern Schließung

Vor einer kompletten Überlastung der medizinischen Versorgung in den Wintersportzentren warnen bereits die örtlichen Mediziner. Die Leiterin der kleinen Krankenstation in Åre befürchtet das Schlimmste. Der 2800-Einwohner-Ort, den viele vom Ski-Weltcup und der Weltmeisterschaft 2019 kennen, ist sehr dünn besiedelt, hat aber stolze 35.000 Gästebetten. Diese sind aktuell voll belegt. Aber auch die Krankenstation ist bereits am Rande ihrer Kapazitäten. Mehrfach forderte die Medizinerin bereits mit eindringlichen Warnungen die Schließung der Skigebiete: "Haben wir nichts von Italien und Österreich gelernt?" 

Dem schließt sich auch eine schwedische Notfallärztin auf Twitter an, die es unfassbar findet, dass die Stockholmer jetzt zum Skifahren nach Åre fahren und den Ausbruch dorthin tragen. "Die Last für Retter und Notfallmedizin wird enorm sein." Der Hilfeschrei ist mittlerweile auch bei den großen Medien in Schweden schon angekommen. "Corona-Alarm in den Bergen: Kann enden wie in Italien", titelte beispielsweise das Boulevardblatt "Aftonbladet" in den letzten Tagen. Ob das die Regierung zum Handeln bewegt, bleibt abzuwarten. 

Update, Montag, 30.3.2020:

Das erste schwedische Skigebiet verkündet das vorzeitige Saisonende wegen Covid-19: Romme Alpin wird ab dem heutigen Montag seine Lifte freiwillig schließen, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen. Das Skigebiet liegt nur 2,5 Fahrstunden von Stockholm entfernt und ist ein beliebtes Ausflugsziel der Großstädter. 

Update, Mittwoch, 1.4.2020: 

Alle großen schwedischen Skigebiete geben ihr Saisonaus zum 5. April bekannt. Dies erfolgt nach einer erneuten dringenden Empfehlung der Gesundheitsbehörde, die während der Osterferien einen großen Zustrom in die nur dünn besiedelten und medizinisch schlecht versorgten Gebiete befürchtet (mehr lesen).

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